29.04.2010

Montreal Assembly / Sonic Crayon: Wunderbare Effekte aus Kanada

Ssssss in Montreal Assembly / Sonic Crayon: Wunderbare Effekte aus Kanada

Schon mal überlegt, warum nur so wenig wirklich neuartige Effekte herauskommen? Die großen Hersteller lassen sich natürlich von einem Markt leiten, der Vintage haben will, da ist kein Raum für Innovation. Außerdem ist die Beschränkung vieler Boutiquehersteller auf analoge Effektgeräte ein Problem. Analog ist zwar einfacher zu bauen, aber eben auch sehr limitiert.

Aber Augen auf, auch in dem Heuhaufen der Kleinstschmieden für Effektgeräte kann man Nadeln suchen. Dann finden sich gleich zwei in der selben Ecke, nämlich in Montreal. Nur wenige Straßen voneinander entfernt programmieren, löten und schrauben Scott Monk von Montreal Assembly und Etienne Blythe von Sonic Crayon ihre Gerätschaften zusammen, die zumeist so vor Kreativität strotzen, dass man ihnen mit den üblichen Effektgerätkategorien kaum beikommt. Das liegt auch daran, dass beide voll auf digitale Technik setzen….

Uranus02 in Montreal Assembly / Sonic Crayon: Wunderbare Effekte aus Kanada

Scott Monk mit "Wrong Side of Uranus"

Das Montreal Assembly “Probability of a Fax Machine” hat nicht nicht nur einen solchen Namen, sondern klingt auch sperrig. Mit dieser verheerenden Neuinterpretation eines Pitch Shifters wird jeder Einzelton zu Free Jazz.  Der Trick ist, dass ein Oszillator den Pitch Shifter dazu bringt, Arpeggios zu machen, was je nach Einstellung ein einfaches Brummen in ganze Melodien verwandelt oder aber jeden einzelnen Ton des sorgfältig gespielten Gitarrensolos zerstückelt. Der Axtmörder unter den Modulationseffekten.

Das “Waking up on the wrong Side of Uranus” ist noch bekloppter. Es ist ein extrem variabler Bitcrusher. Bitcrusher an sich sind schon krass genug, aber diesen kann man so weit auf- beziehungsweise runterdrehen, dass man tagelang Albträume hat, in denen sich die Anhänger des Germanium-Wohlklangs zum Lynchmob formieren. Am Besten, man sieht sich die Videos an, beschreiben kann man den Irrsinn sowieso nicht.

Während Scott sich darauf spezialisiert hat, den Sound eines jeglichen Inputs komplett durch den Fleischwolf zu drehen, geht Etienne etwas subtiler vor. Sein Flaggschiff ist das “Hollow Earth”:

Er selbst nennt es ein Tremolo, das lockt aber auf die falsche Fährte, eigentlich ist dieses Effektgerät einzigartig. Es ändert zwar die Lautstärke des Signals, aber wo ein Tremolo regelmäßig an- und abschwillt, kann das Hollow Earth alle erdenklichen Lautstärkekurven erzeugen. Der Trick: man kann die Einstellungen am Lautstärkepoti aufzeichnen. Je nachdem, wie man also lauter und leiser dreht, wird das Hollow Earth weitermachen. Ein weiches Anschwellen und dann kurzes stakkatohaftes Tremolo? Kein Problem. Man kann seine selbst gemachten Kurven sogar im Nachhinein verändern und hat bis zu zehn Speicherplätze. Obendrein gibt es noch einen Zufallsmodus, ein Envelope Tremolo und etliche, mit jeder Generation des Geräts mehr werdende Zusatzfunktionen. Damit würde auch Neil Young glücklich.

Das Einzige Problem am Sonic Crayon Hollow Earth ist, wie schwer es zu bekommen ist. Nachdem Etienne im Dezember viel Geld verloren hat, weil er fehlerhafte Platinen bekommen hatte, hat er sogar überlegt, den Effektgerätebau komplett an den Nagel zu hängen. Seit der letzten Woche ist er aber dabei, Fehler auszumerzen und verspricht für den Spätsommer einen neuen Schwung Hollow Earth.

Vorher gibt es aber noch einen Bitcrusher, das Sonic Crayon “Moth”. Ein zahmeres Pedal als das Montreal Assembly “Wrong Side of Uranus”, aber auch die Motte kann ordentlich krank klingen. Außerdem kann sie mit einem von Etiennes wunderschönen Finishes aufwarten. Das Moth ist für ihn vor allem dazu da gewesen, sich wieder an Effektgeräte heranzutasten und eventuell auch für eine Vorfinanzierung für die nächste Runde Hollow Earth. Im Juni soll es ein Dutzend Motten geben.

Vielen Dank an Mick Schulz für diesen ausführlichen Beitrag.

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